Lehrerzimmer by Markus Orth

Lehrerzimmer by Markus Orth

Autor:Markus Orth [Orth, Markus]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


11

Als ich das Direktorat verließ, drückte mir eine der

Sekretärinnen eine laminierte Karte in die Hand und sagte in tröstendem Tonfall: Ihr Lehrerleihausweis. Ich nickte ihr zu, nahm aber alles um mich her seltsam verschwommen wahr.

Ich wusste nicht, ob ich jemanden, und wenn ja, wen, in meine Lage einweihen sollte, und beschloss, mich zunächst

zurückzuhalten und um Pascal zu kümmern. Doch auf dem

Gang zum Lehrerzimmer merkte ich, wie sehr das Gespräch mit Höllinger meinen Magen zerwühlt hatte, und bog zur Toilette ab. Dort war ich allein. Ich ließ die Hosen runter und setzte mich. Um mich von dem, was soeben geschehen war, abzulenken, dachte ich an eine von Renners Theorien, die er in der vergangenen Nacht im Ratskeller erzählt hatte. Ausgehend vom Hierarchiedenken unserer westlichen Welt im Gegensatz zur balischen Bewusstseinsebene war er auf einen

fundamentalen Unterschied zwischen Mann und Frau zu

sprechen gekommen. Frauen, hatte Renner gesagt, würden ihre Hosen auf der Toilette immer nur bis kurz oberhalb der Knie zurückschieben, Männer dagegen bis zu den Knöcheln

herablassen. So dasitzend konnte ich seine Theorie für meine Person durchaus bestätigen, und ich hatte gerade den

Augenblick erreicht, der eine Entspannung des Darms und somit ein Sichöffnen des Schließmuskels ermöglicht hätte, als die Tür aufging und jemand den Toilettenraum betrat. Alles in mir kniff sich zusammen. Ich lauschte angestrengt, hörte aber weder einen Urinstrahl an einem der beiden Pissoirs noch ein Offnen und Schließen der Nachbartür zur zweiten Kabine.

Derjenige, der eingetreten war, stand demnach reglos in der Mitte des Toilettenraums und tat nichts. Ob er mich

belauschte? Ich überlegte, ob ich bei dem, was ich zu tun im Begriff war, eine Verwaltungsvorschrift außer Acht ließ, konnte aber in meinem Verhalten nichts Anstößiges finden.

Schließlich öffnete sich doch noch die Kabinentür neben mir, und jemand sperrte schnaufend ab, schob die Hose, man

konnte es hören, bis zu den Knöcheln nach unten und ließ sich auf die Brille nieder. Es war Bassel, dachte ich, dick und schwer schnaufend und eigenartige Stöhnlaute von sich

gebend. Ich selbst konnte mich nicht mehr auf meine eigene Aufgabe konzentrieren und gab mein Vorhaben einstweilen auf, erhob mich still und zog die Hosen hoch. Plötzlich hörte ich ein Klirren. Sein Schlüssel, dachte ich, Bassels Schlüssel.

Ich ging in die Knie und schaute durch den handbreiten Spalt in die Nachbarkabine. Der Schlüssel lag auf dem Kloboden.

Irgendwie aber traute ich der Sache nicht so recht: Kurz nach dem Gespräch mit Höllinger schon eine solche Gelegenheit?

Da war irgendetwas faul. Ich stellte mir vor, wie Bassel im Klo nebenan saß, mit gezücktem Hackbeil, nur darauf wartend, dass ich meine Hand durch den Spalt zu ihm und dem als Köder ausgelegten Schlüssel schob. Nein, ich tat so, als hätte ich den Zweck meines Hierseins bereits hinter mir, betätigte die Spülung, schloss auf und ging schnell zum Ausgang, doch beim Verlassen des Toilettenraumes hörte ich Bassels Stimme durch die verschlossene Kabinentür: Nicht mal die Hände gewaschen, Kranich.

Ich hastete den Gang zurück ins Lehrerzimmer, auf dem mir, ich sah ihn schon von weitem, Josef Jensen entgegenkam. Es lag ein siegesgewisses Lächeln auf seinen Lippen, und als wir aneinander vorbeigingen, raunte er mir zu, die Bombe tickt.



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